TSÜRI, Switzerland (2026-03-11)
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Polizei warnt vor jungen Männern in Sportwagen und auf E-Trottis
Die Stadt Zürich und der Kanton haben ihre Verkehrsunfallstatistik für das Jahr 2025 veröffentlicht. Die meisten Zahlen entwickeln sich sehr positiv, doch jugendliche Raser und E-Trottinets sorgen die Behörden.
Die Stadt Zürich hat im Jahr 2025 so wenige Verkehrsunfälle registriert wie seit zehn Jahren nicht mehr. 4714 waren es insgesamt, und damit knapp 8 Prozent weniger als im Fünfjahresdurchschnitt. Auch das Velofahren in der Stadt Zürich ist sicherer geworden. So ist die Zahl der Verletzten im Vergleich zum Vorjahr mit 510 Fällen konstant geblieben, und das bei steigender Anzahl Fahrten. Dies geht aus der Verkehrsunfallstatistik für das Jahr 2025 hervor, welche die Stadt und der Kanton am Mittwochmorgen präsentiert haben.
Dennoch leben Velofahrer:innen und andere sogenannte «ungeschützte Verkehrsteilnehmer:innen» in der Stadt gefährlich: Ganze 79 Prozent der Schwerverunfallten im letzten Jahr waren Fussgänger:innen, E-Trotti-Fahrer:innen, Velo/-E-Bike-Fahrer:innen oder Motorradlenker:innen.
Das zeigt sich auch bei den städtischen Verkehrstoten: Fünf waren es insgesamt, drei davon waren Fussgänger:innen, eine Person war mit dem E-Trotti unterwegs und eine mit dem Auto. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Todesfälle halbiert, auch verglichen mit den Vorjahren liegt die Zahl tief.
Betrachtet man den ganzen Kanton, so lag die Zahl der Verkehrstoten für das vergangene Jahr bei 30 und damit um vier Personen höher, als im Fünfjahresdurchschnitt. Auch bei der Zahl der Schwerverletzten gab es sowohl im Kanton als auch in der Stadt einen leichten Anstieg.
«Wir meckern auf hohem Niveau»
Kevin Riehl vom ETH-Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme betont, viele der Resultate liessen sich durch normale Schwankungen erklären. «Generell sind die Zahlen sehr zufriedenstellend. Wir meckern auf hohem Niveau», so der Experte.
Auch der hohe Anteil schwer verletzter Velofahrer:innen sei kein Grund zur Sorge. Die Zahl hänge stark davon ab, wie der Verkehr in einer Stadt zusammengesetzt ist. «In Zürich ist der Verkehr sehr gemischt mit vielen Fussgänger:innen, Velofahrer:innen, E-Trottis und ÖV, da ist es klar, dass ihr Anteil an Schwerverletzten steigt. Aber besorgniserregend ist das nicht.» Das Wichtigste aus Zürich
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Zufrieden ist die Stadt Zürich auch mit der Sicherheit der Fussgänger:innen. Im vergangenen Jahr sind 68 von ihnen auf Zebrastreifen verunfallt, 145 Personen abseits davon. In 16 Fällen sind Kinder auf dem Schulweg verunfallt. «30’000 Kinder gehen täglich selbstständig zur Schule, da ist diese Zahl sehr niedrig», kommentiert Wernher Brucks, Leiter Verkehrssicherheit der Stadt Zürich an der Medienkonferenz.
Generell gelte es bei den Statistiken zu beachten, dass die Bevölkerungszahl und der Fahrzeugbestand ansteigen. Steigen die Fallzahlen nicht mit an, sei das ein Erfolg.
Junge alkoholisierte Männer sind ein Risiko für sich und andere
Sorge bereiten Stadt und Kanton junge Männer unter Alkoholeinfluss. Diese sind für viele der schweren Raserdelikte verantwortlich – mit einer Vorliebe für geliehene Sportwagen von Mercedes, Audi und BMW. Die Polizei betont, dass es sich bei Raserdelikten um schwere Verbrechen handelt, die zu Freiheitsstrafen und Fahrausweisentzug führen können.
Der Stadtzürcher Leiter Verkehrssicherheit, Wernher Brucks betont, durch die klare Zielgruppe und das spezifische Verhalten könnte beispielweise eine PS-Begrenzung helfen. Auch Kevin Riehl würde diesen Schritt begrüssen und betont: «Das Problem sind nicht die gekauften, sondern die geliehenen Sportwagen. Hier könnte man vorschreiben, dass der Sportmodus deaktiviert bleiben muss. Zumal man in der Schweiz ohnehin nirgends mehr als 120 km/h fahren darf.»
In vielen anderen Ländern gäbe es zudem striktere Vorschriften, die unter 25-Jährige gar nicht auf die gesamte Palette an Leihwagen zugreifen lassen.
Auch auf den städtischen E-Trottis stellen junge, angetrunkene Männer ein Risiko dar – jedoch vor allem für sich selbst. Die Zahl der Stürze ohne Einwirkung von anderen hat hier mit 77 Fällen einen Höchstwert erreicht. Auch hier könnten Vorschriften helfen, so der Experte: Bei einigen Anbietern müssen Lenkende zu später Stunde einen Reaktionstest bestehen, aber noch längst nicht bei allen.
«Die Strassen sind immer sicherer geworden»
Phänomene wie Raserdelikte oder E-Trotti-Unfälle seien kurzfristige Trends. Doch über die Jahrzehnte betrachtet bewegen sich die Zahlen eindeutig in die richtige Richtung. So verzeichnete der Kanton Zürich im Jahr 1971 ganze 260 Verkehrstote, auch in den 90er-Jahren lag die Zahl noch häufig über 100. Einen Tiefstand erreichte sie im Jahr 2021 mit 20 Verkehrstoten, in diesem Jahr waren es 30. «Die Strassen sind immer sicherer geworden», betont Thomas Iseli, Chef der kantonalen Verkehrspolizei.
Für diese Entwicklung sind auch Fortschritte bei der Fahrzeugsicherheit verantwortlich – von Gurten und Airbags bis zu neueren Technologien wie Notbremsassistenten.
ETH-Experte Kevin Riehl erklärt: «Grundsätzlich sind es drei Faktoren, die bei Verkehrsunfällen das Risiko steuern.» Erstens die Strasseninfrastruktur und die Verkehrssituation, zweitens die Fahrzeugtechnologien und drittens das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden.
Die Infrastruktur habe die Politik selbst in der Hand, auf Fahrzeugeigenschaften könne sie mit Vorschriften einwirken. «Doch das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden – wenn sie aufs Handy starren oder betrunken unterwegs sind – lässt sich kaum kontrollieren.» Hier versuchen Stadt und Kanton mit Präventionskampagnen einzugreifen: Die kantonale Kampagne «App gelenkt» weist auf das Handy als Unfallquelle hin, die Stadt Zürich hat inzwischen eine Präventionskampagne gegen Raserdelikte gestartet, die insbesondere auch an Berufsschulen auf das Thema aufmerksam macht.
Über den Interviewpartner
Kevin Riehl ist Dozent am Departement Bau, Umwelt und Geomatik der ETH Zürich und forscht in der Gruppe für Strassenverkehrstechnik.